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Leseproben aus meinem neuen Buch

Cabrera

im Buch auf Seite 111

 

Zwischen der zum Archipel der Cabreras gehörenden Illa des Conejera und der Hauptinsel Cabrera segeln wir in die Inselwelt des Nationalparks ein. Wilde, alles fressende Ziegen (spanisch: cabra) haben für die sehr karge und fast lebensfeindliche Beschaffenheit der Inseln gesorgt und wurden so zum Namensgeber der mit etwa 16 Quadratkilometer größten und einzigen bewohnten Insel des Archipels. Ziegen sucht man heute allerdings vergeblich. Sie würden das heute herrschende, jedoch empfindliche Ökosystem, sicherlich zusammenbrechen lassen. Andere Lebewesen haben sich hier über Jahrhunderte erhalten oder sind hier ansässig geworden. Einige fallen unter den Begriff endemisch, was erklärt, dass sie nur hier vorkommen. Die schwarzen Eidechsen gehören dazu und dominieren überdeutlich die Insel Fauna.

Nachdem wir die etwa 300 m breite, für uns erst spät sichtbare Einfahrt mit der auf der linken Seite hoch oben thronenden Kastell-Ruine durchfahren haben, öffnet sich die weitläufige und geschützte Bucht des Puerto de Cabrera. Die gebuchte Festmacheboje finden wir sofort. Sie befindet sich im südwestlichen Teil des Bojenfeld, was uns noch entgegen kommen soll.

Bei uns an Bord steht nun ein nicht unerhebliches Problem zur Lösung an. Auf dieser Insel dürfen keine Hunde an Land gehen, was uns von einer Reise hierher immer abgehalten hat. Wie bringen wir diese unumgängliche Anordnung nur unserem momentanen hyperaktiven Fellmann bei?

Diese Vorschrift beschränkt unseren Aufenthalt auf dieser Insel, da Timmy natürlich seinen Freilauf benötigt. In der uns verbleibenden Zeit wollen wir zudem auch noch möglichst viel von der Insel sehen. 

Unser Programm ist ambitioniert. Ein Aufstieg zum Kastell und von dort den Panoramablick über die Bucht und auf unser Schiff genießen, in der kleinen Cantina am Anleger, mit dem Flair der Einfachheit, einen Drink nehmen, eine Wanderung über Teile der Insel anzugehen und das Museum mit dem Franzosendenkmal besuchen. Das muss erst einmal geschafft werden. Ein strammes Pensum liegt vor uns.

Timmy scheint die ganze, für ihn unangenehme Situation nicht zu verstehen. Er pocht massiv auf sein Recht nun zu einem Landgang aufzubrechen. Irgendwie muss ich eine Lösung finden, dass er heimlich, für eine kurze Zeit, einen Abstecher ans Ufer machen kann. Die Park Ranger dürfen davon jedoch nichts erfahren, der Ärger mit der offiziellen Verwaltung wäre uns dann sicher. 

Die Sonne ist längst untergegangen und über die Bucht von Cabrera liegt eine entspannte Abendstimmung. Einige Dingis sind knatternd in Richtung der Cantina unterwegs, andere von dort kommend auf der Rückfahrt zu ihren Schiffen. Die ersten Lichter sind auf den etwa 30 Yachten auszumachen. Der nicht gut einsehbare Bereich unserer Festmacheboje kommt uns nun sehr recht und das Personal hat hoffentlich Feierabend. Ich nehme Timmy, entgegen der Vorschrift, mit in das Dingi und rudere die wenigen Meter bis zum Ufer. Auf den Einsatz des Motors verzichte ich, damit nicht schon von weitem meine Absicht zu erkennen ist. Angekommen verschwinde ich mit ihm schnell im leicht bewaldeten Gebiet. Was tut man nicht alles für seinen Bordhund. Man darf uns nur nicht erwischen. Am frühen Morgen mache ich mit Timmy noch einmal den gleichen Weg, bevor wir nun unser heutiges, strammes Insel-Besichtigungsprogramm beginnen.

Ein steil nach oben strebender, staubiger Geröllweg führt uns zum Kastell. Die schwarzen Cabrera Eidechsen huschen fluchtartig vor unseren Füßen, quer über den holprigen Pfad. Man tritt fast auf die an der Unterseite metallic blau schimmernden Reptilien. Vorbei an dem alten, verwilderten Seemannsfriedhof durchschreiten wir eine Maueröffnung des Kalksandstein-Gemäuers der aus dem 14. Jahrhundert stammenden und einst von der Krone aus Aragon errichteten heutigen Burgruine. Eine Platzangst auslösende, steinerne Wendeltreppe, die das Betreten nur für Personen mit einem geringen Body-Maß-Index vorsieht, führt uns zunächst durch völlige Dunkelheit auf die erste Ebene der Burg. Über weitere, außen liegenden Stufen, erreichen wir den höchsten Punkt der Ruine, auf dem stolz die Spanische Nationale im Wind weht. Schweißgebadet oben angekommen ringen wir nach Luft. Den Blick gen Süden gerichtet, hinunter in die Bucht mit ihrem tiefblauem Wasser, sehen wir unser Schiff schwimmen, in deren Kajüte der wohl schmollende Bordhund auf unsere Rückkehr wartet. Die Gegenrichtung, im Nordosten, gibt die Sicht auf die Küste Mallorcas frei. Diese Rundum-Aussicht ist die Mühe des Aufstieges wert. 

Hinunter, zurück zum kleinen Hafen, ist der Fußweg einfacher zu bewältigen. Dort befindet sich auch die kleine, frugale und einzige Bar der Insel, Cantina genannt. Bevor wir in den südlichen Teil der Bucht aufbrechen, genehmigen wir uns hier, auf der strohgedeckten Terrasse, einen Café con hielo, einen Kaffee mit Eis, der den Durst ungemein löscht. Man kann sich dem Gefühl nicht erwehren, in der spartanischen Atmosphäre und dem vorbeiführenden staubigen Weg, fast ein wenig wie auf einer Saloon-Veranda im wilden amerikanischen Westen zu sein. Hunde, die wohl zu den hier wohnenden Familien gehören, laufen über den unbefestigten Vorplatz und begrüßen die ankommenden Dingis. Warum Timmy nicht mit hierher darf, erschließt sich uns nicht.

Nur eine kurze Pause soll es sein, wir wollen ja noch bis zum Museum laufen. Der Weg ist nicht weit. Es ist Mittag, als wir am Es Celler ankommen. Auf Cabrera wurde früher Wein angebaut und in diesem Gebäude verarbeitet. Der Säureanteil soll sehr hoch gewesen sein, was nicht gerade zu einem nennenswerten Umsatz beitrug. Heute ist dort das ethnografische Museum beheimatet, das Gegenstände aus den letzten 200 Jahren zeigt. Ebenfalls thematisiert wird hier und an dem in direkter Nähe befindlichen Denkmal der Überlebenskampf französischer Kriegsgefangener.

An dieser Stelle offenbart sich die dunkle Geschichte Cabreras. Zwischen 1809 und 1811 brachte die spanische Krone, während des Unabhängigkeitskrieges gegen Napoleon, über 9.000 Gefangene hierher und überließ sie ohne Versorgung ihrem Schicksal. Hunger, Durst und Krankheiten rafften die meisten dahin. Nur 3.600 überlebten. Die wenigsten Besucher dieses Ortes wissen, dass 134 deutsche Männer vom Regiment Anhalt, die von Napoleon gezwungen wurden, unter der französischen Fahne zu kämpfen, am 14. September 1810, im südspanischen Bailén in Gefangenschaft gerieten und nach Cabrera deportiert wurden. Davon starben dort 29 unter erbärmlichen Bedingungen. Die überlebenden 105 Männer nahmen am 11. Januar 1812 einen Generalpardon an und kämpften an der Seite des spanischen Volkes gegen die französische Tyrannei bis zu deren Niederlage im April 1814. Nur 35 sahen ihre deutsche Heimat wieder.  

Mehr als 100 Jahre später wurde Cabrera wiederum zum Politikum. Der spanische Diktator Franco schaffte heimlich große Mengen Penicillin nach Cabrera, das dann von deutschen U-Booten unauffällig übernommen wurde. Die Alliierten sollten nicht mitbekommen, dass Spanien, Nazi-Deutschland mit wichtiger Medizin versorgt.

Auf dem Weg zum Hafen, zu unserem Dingi, kommen wir wieder an der Cantina vorbei. Hier ist es jedoch mit der Beschaulichkeit und Ruhe vorbei. Schiffe mit Tagesausflüglern, von der Insel Mallorca, haben die Cantina, das Kastell und die ersten paar hundert Meter des Uferpfades lebhaft erobert und überlagern so für kurze Zeit den besonderen Reiz dieses abgeschiedenen Ortes. 

Wieder zurück auf unserem Schiff erwartet uns ein großes Hallo. Als ob wir für Wochen nicht mehr an Bord gewesen wären, empfängt uns unser kleiner Matrose mit einer unbändigen Freude. Zu seinem Glück setzt langsam die Abenddämmerung ein, sodass ich unter deren Schutz mit Timmy wieder an Land fahren kann. 

Früh lösen wir die Leine an der Festmacheboje. Die Sonne hat die Bucht von Cabrera noch nicht erreicht, als wir die Ausfahrt mit der über alles erhabenen Burgruine passieren.

Geplant hatten wir hier auf Cabrera noch einen Besuch der Cova Blava, die blaue Höhle. Sie ist an der Nordseite, in der Cala Gandulf, vom Meer aus direkt an Backbord zu finden und zu bestaunen. Reflexionen im Wasser der Grotte erzeugen eine Inszenierung aus Licht und Farben in allen Blautönen. Das unübertreffliche Curacao-Blau ist die vorherrschende Blautönung des Wassers. Da dieses Erlebnis in seiner perfekten Farbgestaltung nur gegen Mittag, wenn die Sonne hoch am Himmel steht, zu erleben ist, verschieben wir diesen Ausflug auf unseren nächsten Besuch.

 

 
 

Ostküste bis Santa Eulália

im Buch auf Seite 121

Den heutigen Kurs haben wir abgesteckt in Richtung Tagomago, eine kleine, vor der nordöstlichen Küste von Ibiza gelegenen Insel. Somit verholen wir uns mal wieder zu einer anderen Baleareninsel. Dieses Mal zu den Pityusen, zu der südlichen Inselgruppe der Balearen. Etwa 65 nautische Meilen, die im Kielwasser gelassen werden wollen, warten heute auf uns. Da der erhoffte Wind ausbleibt, lassen wir unsere Segel zu unserem Bedauern eingerollt und unsere Yanmar Maschine leistet ihren Dienst. Erst als wir den Archipel der Cabreras achteraus sehen, hat Rasmus ein Einsehen und schickt die ersehnte Brise. Drei bis vier Beaufort aus Ost erlauben uns einen Halbwindkurs bei fünf bis sechs Knoten Geschwindigkeit über Grund. Blauer Himmel, 28 Grad, es läuft gut. Über Stunden nichts anderes als Wasser, soweit das Auge reicht. Lediglich zwei große Containerschiffe erkennen wir weit hinten am Horizont. Zum frühen Nachmittag sind es noch etwa 25 Seemeilen bis Ibiza.

Zu unserem Verdruss verlässt uns dann der Wind immer mehr. Wir stehen schließlich in einer Flaute. Dem Groß und der Fock fehlt der Druck, beide Segel schlagen beängstigend mit ihren Achterliken. Das geht ans Material und malträtiert die Nerven. Bei jedem Schlag geht ein Zucken durch unsere Körper. Die Seele eines Seglers schmerzt in einem solchen Augenblick. Lieber mit dem geblähtem Tuch bei moderaten Winden durch die See ziehen lassen, als von der eigenen Maschine dem Ziel entgegen schieben lassen, ist an sich der Wunsch von uns Seglern. 

Wir bergen die Segel. Trotz anfänglichem Zögern lässt sich das Starten der Maschine nicht länger umgehen. Das Vibrieren des Schiffskörpers und das Tuckern des Motors entsprechen ganz sicher nicht den Zielvorstellungen des heutigen Tages. Trotz allem hat der Gleichklang des Motors, das Glucksen und Plätschern der ruhigen See und nicht zuletzt das Speien des Kühlsystems einen beruhigenden Einfluss auf uns als Crew. Das Vorgenannte wirkt jedoch auch einschlafend. In solchen Momenten neigen wir sehr schnell zu Tagträumen, meist schweigend unseren Gedanken nachhängend. Entgegen der Träume in der Nacht ist der Inhalt der Tagträume meist Eigengesteuert und von der momentanen seelischen Verfassung abhängig. Zu unserem Unglück wird heute jedoch unsere Trägheit nachhaltig unterbrochen.

Langsam wird unsere Maschine leiser, stottert zwei bis dreimal vor sich hin und gibt ihren Geist auf. In diesem Moment bin ich glockenwach. Zunächst die Überlegung, dass nicht genug Diesel im Tank ist. Nach unserer Berechnung müssen jedoch noch mindestens 50 bis 80 Liter zur Verfügung stehen. Ich fülle vorsorglich die im Ersatzkanister vorhandenen 30 Liter nach. Wie sich schnell herausstellt, Kraftstoffmangel ist nicht unser Problem. Schnell ahne ich, was passiert ist. Der Diesel-Vorfilter ist mal wieder mit Algen und Bakterien verstopft. Das war im letzten Jahr schon einmal der Fall.

Soweit unsere Augen in allen vier Himmelsrichtungen blicken können, sehen wir Wasser, nur Wasser. Am Horizont, dort wo die salzige See auf den blauen Himmel trifft, krümmt sich die Kimm und beides wird Eins. Ohne Fahrt zu machen, dümpeln wir nun auf hoher See, gut 25 Seemeilen vor Ibiza. Bei fast 30 Grad Lufttemperatur fehlt uns zudem auch noch der Wind, um mit unserer wichtigsten Energiequelle voranzukommen. Nicht der geringste Hauch ist zu verspüren. Um uns herum herrscht Totenstille. Eine Stille die schwer zu ertragen, ja fast unheimlich ist und uns ungewohnt erscheint. Die hin und wieder an die Bordwand klatschenden Wellen und das Schlagen der Wanten und Stage erzeugt Geräusche und unterbricht diese schauerliche Ruhe. Zu allem Übel gesellt sich noch eine alte Dünung hinzu, die uns hin und her beutelt. Unsere jetzige Situation ist nicht gerade zum Jubeln geschaffen.

Ich versuche den Filter auszubauen um ihn dann zu reinigen. Das Schiff rollt von einer Seite auf die andere, die Maschine ist glühend heiß und die Temperatur im Motorraum kaum auszuhalten. Der Filter ist dermaßen dämlich angebracht, dass eine Demontage selbst im Hafen einem Schlangenmenschen vorbehalten bleibt. Konstrukteure solcher Schiffsmotoren machen sich wohl nicht die geringsten Gedanken in Bezug auf die Reparaturfreundlichkeit ihrer Produkte. Sicherlich haben sie noch nie auf offener und rollender See an ihrem Meisterstück werkeln müssen.

Trotz aller Bemühungen gelingt es mir nicht, unter diesen Bedingungen den Filter zu demontieren. Nach einer Stunde breche ich die Arbeiten ab und wir beraten, was zu tun ist. Feli versucht, mit dem minimalen Hauch von Wind, der sich mittlerweile, jedoch kaum merkbar, eingestellt hat, uns wieder auf Kurs zu bringen. Wir segeln knapp einen Knoten mit der Fock. Das ist nicht viel, aber besser als nichts. Bei der Geschwindigkeit werden wir etwa 20 Stunden bis Santa Eulalia benötigen. Egal, eine andere Möglichkeit bietet sich im Moment leider nicht. 

Eine gute Stunde treiben wir so vor uns hin ohne nennenswert von der Stelle zu kommen. Die Bemühung, unsere Fahrt in Richtung Ibiza, bei dieser doch sehr geringen Geschwindigkeit, irgendwie zu halten, ist mühsam. Das Zurren der Wanten und das Schlagen des Focksegels, bei dieser rollenden See, lassen sich nicht verhindern, nerven jedoch irgendwann ungemein.

An Bord setzt sich eine allgemeine Fruststimmung fest. Selbst Timmy empfindet unsere momentane Lage offensichtlich nicht gerade amüsant. Die sich nicht beruhigende rollende See macht eben auch unseren Matrosen mürbe. 

Ein Mindestmaß an Aberglauben kann niemand, der zur See fährt, ablegen. Auch wir vermögen uns dem nicht zu entziehen. Auf jeder unserer Reisen zur See erhält Rasmus, als Schutzheiliger der Seeleute, einen Schluck spendiert. Ob es hilft, wissen wir nicht, aber schaden kann es auch nicht. 

Dass nun tatsächlich unser hoffentlich immer allgegenwärtige Rasmus ein Einsehen mit unserer misslichen Lage hat oder ein anderes Ereignis den Ausschlag gibt, ist uns egal, denn die Windverhältnisse ändern sich, es frischt auf. Wir können endlich wieder mit der Kraft des Windes Ibiza entgegen segeln. 

Gut gefüllt blähen sich nun die Segel im Wind. Bei mittlerweile 4 Beaufort, ziehen wir, mit fast 6 Knoten über Grund, kräftig durch die See und machen eine gute Raumschotfahrt. Der Nordostwind schiebt uns der Landmasse von Ibiza mächtig entgegen. So etwas nennt man Glück im Unglück. Wir haben einen der schönsten Segeltage dieser Reise. Die Thalatta liegt stabil in der Welle und macht Tempo durch die salzige See. Bei dieser Euphorie verdrängen und vergessen wir fast die Probleme mit der Maschine. Der Kurs ist nun endgültig auf Santa Eulalia, an der Ostküste der größten Pityusen-Insel Ibiza, abgesetzt. Wer hätte das noch vor ein paar Stunden gedacht.

Als ob das nicht schon genug der positiven Entwicklung unserer heutigen Lage wäre, kreuzt nun eine große Delfin-Schule unseren Kurs. Wir sind hellwach, auch Timmy verschläft diese großen Tiere diesmal nicht und steht kurz davor zu kollabieren. Wir können ihn nicht beruhigen und binden ihn zu seinem eigenen Schutz fest. Um uns gegen diese, für ihn offensichtliche klare Gefahr zu verteidigen, würde er wohl bereit sein, über die Kante zu springen. In aller Regel verschwinden Delfin-Schulen nach einer kurzen Stippvisite zurück in die Tiefe und setzen ihre Reise fort. Nicht so unser heutiger, hochwillkommener Besuch. Ob sie Langeweile gehabt haben? 

Unser nimmermüder Autopilot segelt uns, unter Vollzeug, durch das blaue Wasser des Mittelmeeres. Das Rauschen der See beglückt. Bei 6 Knoten über Grund stehen wir ganz vorne am Bugkorb, ganz nahe bei den Delfinen. Sie haben die Thalatta anscheinend in ihrer Gruppe integriert und spielen mit uns.

Delfine in freier Natur zu begegnen erzeugt Sprachlosigkeit. Welch ein großes Erlebnis ist es doch, diesen sympathischen Meeressäugern bei ihrem Spiel, vor-hinter und offensichtlich auch mit unserem Schiff zuzuschauen und ganz nahe zu sein. Große Meerestiere, deren Gefahrenpotenzial gleich Null ist. Zu dritt schwimmen sie vor unseren Bug und drehen sich um die eigene Achse, sodass wir die hellen Unterseiten ihrer Körper sehen können. Andere machen fast neben unserer Bordwand gewagte Sprünge durch die Luft. Aus der tiefblauen See tauchen parallel nebeneinander zwei Delfine immer wieder vor unserem Bug auf, um, wie abgesprochen, synchron geradewegs abzutauchen. Bei dieser Aktion könnte man annehmen, die beiden Protagonisten würden die Thalatta wie ein Gespann durch die Wogen ziehen. Andere tanzen um das Schiff, zeigen uns ihre unglaubliche Luftakrobatik, fast zum Greifen nahe. Wir fühlen uns förmlich dieser Delfin-Schule zugehörig. Sie tauchen immer wieder aus der hier noch über 2.500 m tiefen See empor und begleiten uns einige Seemeilen. Wir schauen staunend zu und genießen mehr als 15 Minuten unseres uneingeschränkten Seglerglücks die Akrobatik von mit Flippers Nachfahren. Dass Delfine uns emotional berühren, steht außer Zweifel. Unser Herz reagiert direkt auf sie und wir glauben, ein Lächeln bei ihrem Anblick zu erkennen. Menschen auf See, die einem lebenden Delfin nah waren, wissen um dieses Erlebnis.

Nur unser Timmy versteht im Moment seine Hundewelt nicht mehr. Dass wir keine Anstalten machen sie zu vertreiben, diese uns in seinen Augen bedrängenden und in seinem Fokus bedrohlichen Fremdlinge. Es dauert eine geraume Weile, bis er sich beruhigt und wir ihn wieder ohne Leine in der Plicht lassen können.

Es geht voran. Die noch im Dunst liegende Insel Ibiza wird in ihren Konturen immer deutlicher. Wir erkennen schon die Bucht von Santa Eulalia. Hier lauert eine gefährliche Untiefe in Richtung Ost. Diese gilt es zu umschiffen. Der uns heute einen so guten Dienst geleistete Wind schwächelt, umso näher wir der Insel kommen. Ohne funktionierende Maschine können wir auf den letzten Metern alles Mögliche an Wind gebrauchen, nur eben keine Flaute. Irgendwie müssen wir ohne unsere defekte Maschine sicher im Hafen anlegen. Die Dämmerung setzt langsam ein und wir haben nur noch drei Seemeilen bis zum Hafen. Das soll doch noch zu schaffen sein. Die Mitarbeiter des Hafenbüros in Santa Eulalia haben uns mittlerweile über UKW-Funk mitgeteilt, nur bis 20.00 Uhr Hilfe leisten zu können. Wir werden deutlich später im Hafen sein, was bedeutet, dass wir allein klarkommen müssen. Der Wind steht kurz vor der Marke Null. Da wir ortskundig sind, können wir uns entsprechend vorbereiten. Hinter der Steinmole, das ist uns bekannt, befindet sich auf der linken Seite die Tankstelle und das Hafenbüro. Bis dorthin müssen wir kommen, egal wie. Mit der Backbordseite werden wir anlegen. Eine Meile vor der rettenden Muelle de Espera, der Wartemole, zeigt uns die Logge eine Geschwindigkeit unter einem Knoten. Die Abdrift ist hoch, der direkte und somit kürzeste Weg ist nicht zu halten. Hoffentlich geht das gut und der letzte Schwung bringt uns bis zum Ziel.

Kurz vor der Hafeneinfahrt stehen wir in einer fast platten See, gleich einem Ententeich. Kein Windhauch ist zu spüren. Wir drohen auf den wirklich letzten paar Metern zu verhungern. Mit dem finalen Schwung steuere ich die Thalatta um die Ecke. Bis zur Tankstelle fehlen mir jetzt nur noch zwei Schiffslängen. Unglaublich, aber es ist wahr. Es sind höchstens noch 20 Meter bis zur rettenden Hafenmole. Wir stehen und die leichte Strömung drückt unseren Bug langsam aber sicher in Richtung der für uns gefährlichen Wellenbrecher. Mit dem Bugstrahlruder kann ich mich für den Moment frei halten. Wir dümpeln so einige Minuten hin und her, suchen in der Dunkelheit irgendjemanden, der uns helfen kann. Ein vorbeifahrendes Dingi würde sicherlich reichen, uns die wenigen Meter bis zum Anleger zu schleppen. In der Einfahrt den Anker auszubringen, diesen kurzstark zu halten, um uns erst einmal zu sichern, ist die letzte aber wirklich allerletzte uns verbleibende Möglichkeit, ein Unglück zu vermeiden. Es bleibt wohl kein anderer Ausweg. Wir fügen uns in unser Schicksal und lösen unseren Anker zunächst einmal aus der Verriegelung. Genau in diesem Moment, noch bevor unser Grundeisen ausrauscht, dreht sich die vertrackte Situation wohl zu unseren Gunsten, und das in wirklich letzter Sekunde.

Ein kleines Fischerboot, das wir vorher der hohen Hafenmauer wegen nicht ausmachen konnten, biegt gerade um den Wellenbrecher in den Hafen ein. Wir signalisieren ihm dringlich, geschleppt zu werden. Der Fischer erkennt sofort unsere missliche Lage, nimmt uns für diese uns fehlenden Meter auf den Haken und verschwindet hinein in die Dunkelheit der Marina, ohne dass wir uns bei ihm bedanken können. Das war Spitz auf Knopf.

Es ist fast Mitternacht, als wir an der Mole unterhalb des turmartigen Gebäudes der Hafenverwaltung fest machen. Natürlich ist das Büro geschlossen. Man könnte nun annehmen, dass wir die Nachtruhe genießen könnten, zumindest bis zum Morgen, wenn die Hafenverwaltung Dienstbeginn hat. Hier täuschen wir uns jedoch gewaltig. Zwei übereifrige Wachleute versuchen, uns noch über eine Stunde lang, die letzten Nerven zu rauben. Zweimal müssen wir uns mit dem Schiff an der Mole um einige Meter verholen, ohne dass für uns ein Sinn erkennbar ist. 

Die Anmeldeformalitäten wollen die beiden nun mit uns, in ausgiebigem Umfang, noch in der Nacht erledigen. In allen Häfen ist dieses am nächsten Tag möglich. Erschwerend kommt hinzu, dass sie nicht Herr der Situation sind. Sie kennen ihre eigenen Formulare nicht, müssen ständig irgendwo nachfragen. Ob sie sich uns gegenüber profilieren oder der Marineleitung ihre Unersetzbarkeit darlegen wollen, erschließt sich uns nicht. Irgendwann ist Schluss mit lustig. Meine Meinung zu diesem Schauspiel gebe ich nun deutlich kund, vorsorglich jedoch in Deutsch. Gut für uns alle, dass die beiden ach so wichtigen Wachleute das nicht verstehen. Allerdings sind sie nur kurze Zeit davon beeindruckt. Die beiden penetranten, anscheinend unterbeschäftigten Nachtwächter geben nicht auf, wollen, dass wir uns weiter in den Hafen verlegen. Dass unsere Maschine nicht läuft, wir also manövrierunfähig sind, ignorieren sie. Wir müssen diesem nächtlichen Unsinn ein Ende setzen und reagieren ab sofort einfach nicht mehr auf unsere beiden Sportsfreunde. Selbst Timmy ist es offensichtlich leid und legt sich am seitlichen Aufstieg unseres Schiffes hin, wohl weil es ihm so in den Sinn kommt und weil er sicherlich um diese Uhrzeit müde ist. Er bewirkt so aber augenscheinlich ungewollt Respekt. Wir hatten danach unsere Ruhe und eine ruhige Nacht. Wozu so ein alter Matrose alles gut sein kann.

Es ist kurz vor Mittag, als ein Monteur an Bord eintrifft. Das gleiche Problem wie vor einem Jahr, so seine Diagnose. Dieselschlamm hat die Kraftstoffzufuhr zum Vorfilter verstopft. Der vom Tank zum ersten Filter führende Schlauch mündet in einer Messingschraube. Diese Schraube ist rechtwinkelig, hohl und verjüngt den Leitungsquerschnitt zum Vorfilter. Genau an dieser Verengung entsteht die Verstopfung. Der Filter, der eigentlich die Schmutzpartikel auffangen soll, war genau wie im letzten Jahr sauber. Warum der Diesel im rechten Winkel durch eine Verengung gepresst wird, ist mir unklar. An dieser Stelle werde ich eine Änderung vornehmen. Eine umschaltbare „Separ Doppelfilteranlage“ wird die nächste Anschaffung sein.

Im Büro der Hafenverwaltung sprechen wir am Morgen über die übertriebene Diensteifrigkeit der nächtlichen Wachleute. Es wäre der Anmeldung genügend gewesen, den Schiffsnamen zu notieren und alles Andere am Morgen zu erledigen, bestätigte man uns. Wir haben es ertragen und unsere Stimmung nicht vermiesen lassen.

Der Hafen von Santa Eulalia bietet alle Annehmlichkeiten einer modernen Marina. Auf dem halbrunden Hafen-Boulevard finden wir ein halbes Dutzend Restaurants, Boutiquen und Bars. Ein Supermarkt, eine Tauchschule, sowie ein bestens sortierter Schiffsausrüster runden das Angebot ab. Der Hafenbereich hat sich zum Hotspot der internationalen Yachtszene entwickelt und ist Treffpunkt der Ibizenker, die sich hier gerne mit Freunden zum Essen treffen oder zum abendlichen Cocktail vorbeischauen. Für deutsche Dauergäste und die, die es ohne Schweinshaxe nicht mehr aushalten, ist „Hühner Karl“ im Eingangsbereich der Marina die richtige Adresse. 

Santa Eulalia ist nicht der Ort, um groß zu feiern. Das ist mehr Eivissa vorbehalten. Wer allerdings handgemachte Live Musik favorisiert, sollte nach 21.00 Uhr das im Hafen gelegene „Le Mirage“ aufsuchen. In der Musik Bar, in der man auch essen kann, treten täglich Livebands auf. In der „Sunseabar“, gelegen am Pantalan F, finden insbesondere Skipper auch noch zur späten Stunde willige Gesprächspartner.............

 

 

Cala Trebaluger-unwirklich schön!

Im Buch auf Seite 245

 

Unser eigentliches Reiseziel wollen wir nach wie vor nicht aus den Augen verlieren und verlassen diese tolle Stadt nach zwei Tagen zunächst in südliche Richtung. Der mäßige, südöstliche Wind lässt nur einen gemächlichen Amwindkurs zu aber wir können segeln. Die Dieselmaschine bleibt aus. Heute stört uns diese Langsamkeit nicht. Nach etwas mehr als einer Stunde und vier versegelte Seemeilen queren wir den Canal von Menorca. Das in südwestliche Richtung gelegene und mehr als 20 Seemeilen entfernte Feuer von Capdepera auf Mallorca bildet mit dem Leuchtfeuer von Artrux, hier, an der Südwestspitze Menorca, die beiden äußeren Punkte dieses Seesektors.

Mitte des 19 Jahrhundert bat der Gouverneur Menorcas um eine Zusammenarbeit mit den Leuchtturmwärtern von Artrux beim Aufgreifen von auf der Flucht befindlichen Gefangenen. Er erhielt jedoch eine Absage mit der Begründung, dass sie sich dazu nicht in der Lage sähen, weil sie, entgegen der Vorschrift, keine Waffen gestellt bekommen haben. 

Wer auf Menorca ein außergewöhnliches Restaurant mit einem maritimen Ambiente sucht, findet dieses im Nebengebäude des Leuchtturms von Artrux. Eine weitere Ungewöhnlichkeit ist eine in der Nähe befindliche Unterwasserhöhle, die hin und wieder für Erschütterungen am Gebäude sorgt und bis hin zum Glasbruch führt.

Auf unserem nun ostwärts gerichteten Kurs segeln wir höher am Wind. Das intensive Hochdruckgebiet in Westeuropa beschert uns weiterhin schönes Wetter, aber auch den Levante, den Ostwind mit Windstärken im unteren Bereich der Beaufort Skala nach wie vor aus Südost. Mit lediglich zwei bis drei Knoten fahren wir gemächlich entlang dieser herrliche Südküste. 

Um die Schönheit einer Landschaft zu entdecken, muss man bedächtig reisen. Nur ein Spruch? Nein, auch die Landschaft langsam vorbeiziehen zu sehen hat ihren Reiz.  Hier an der Südküste ist es lohnend, diese Zeit mitzubringen und dicht unter Land, mit ausreichender Distanz zum Land, zu reisen. Die nun folgenden Buchten, also Landeinschnitte, die in Spanien Calas genannt werden, reihen sich wie Perlen auf einer Schnur aneinander. Sie bieten, mit ihren meist besten Sandgründen, ausreichend Schutz. Das Wetter ist beständig und nur südliche Winde können hier zu Problemen führen. Wir versuchen zunächst in der Cala Talaier, danach in der Cala Turqueta und dann in der Cala Macarella einen geeigneten Ankerplatz zu finden. Vergebens, Dutzende von Yachten lassen sich das dauerhaft schöne Wetter nicht entgehen und liegen vor Anker und füllen diese herrlichen Buchten überbordend. Uns noch dazwischen zu quetschen kommt nicht in Betracht. Wir segeln weiter, es ist noch früh, gerade Mittag. Auf eine längere anhaltende Suche nach einem geeigneten Ankerplatz sind wir nun vorbereitet. Wir segeln in der Mittagshitze, jedoch geschützt durch unser Bimini. Die Lethargie hat uns im Griff. Wir dösen und halten leichtfüßig, ja fast schon desinteressiert Ausschau nach einem Ankerplatz. Wir treffen nur auf übervolle Buchten. Kaum zwei Stunden sind vergangen, bis uns über Backbordbug die Sicht in die Cala Trebaluger frei wird. Zunächst wieder schroff abfallende, vielleicht dreißig Meter hohe Felswände. Das Wasser tiefblau. Meine Blicke versuchen, mehr zu erkennen. Die ersten Masten, der dort liegenden Schiffe, erwarte ich bald auszumachen. Ich werde ungeduldig und beuge mich, stehend am Lenkrad, nach links vorne und steuere damit auch instinktiv in Richtung dieses Landeinschnittes. Noch ist kein Schiff zu erkennen. Soll diese Cala doch noch weiter einschneiden sodass Ankerlieger weiter innen sich aufhalten? Wie ein Magnet wirkt dieser Flecken Erde auf mich als Skipper und damit auf das Schiff. Es dauert noch einige Zeit, bis wir in einen Tiefenbereich kommen, der für den Anker möglichst perfekt ist.Wir segeln bei dem wenigen Wind ja sehr langsam, eher bedächtig. Die Blautöne der See wechseln nun ins helle Türkis. Dieses bedeutet Sand, beste Grundbeschaffenheit zum Ankern, eben ein wunderschönes Finale eines doch sehr entspannten Segeltages

Wir biegen ein in die Cala Trebaluger und können es noch nicht glauben. Kein Schiff weit und breit. Wir sind allein und verwundert, warum alle zurückliegenden, von uns passierten Buchten, überbelegt sind und in dieser, zweifelsohne Traumbucht, kein einziges Schiff liegt. Sie wirkt auf uns fast unberührt. Untiefen sind nicht vorhanden. Eine Mausefalle bei aufkommendem Wetter ist diese Bucht auch nicht. Soll es daran liegen, dass diese Cala weder ein Restaurant noch eine Möglichkeit besitzt, einen Drink an Land zu nehmen? Diese Weicheier! Uns ist es egal. Wir haben nun in dieser fantastischen Lage, an der Südküste von Menorca, den Platz für die kommende Nacht gefunden. 

Auf fünf Meter Wassertiefe liegt die Thalatta fest vor gestecktem Anker und wir schwimmen die kurze Strecke in Richtung Ufer. Was für eine traumhafte Lage! Durch das azurblaue Wasser erreichen wir in nur wenigen Minuten den Strand. Mit einer Breite von etwa 150 m, feinsandig und ganz leicht ins Wasser abfallend, bietet er die besten Voraussetzungen für ungetrübtes Badevergnügen. So mögen sich in früheren Zeiten Entdecker gefühlt haben. Welcher Luxus in der heutigen Zeit einen solch schönen Flecken Erde, zumindest im Moment, allein nutzen zu dürfen. Fast erobernd erkunden wir „unsere“ private Cala. Der wenige Wind kräuselt die Wasseroberfläche nur leicht. Wie Kinder im Planschbecken genießen wir ausgelassen, fast übermütig, ja beinahe überdreht dieses kleine Paradies. Welcher Segler träumt nicht von solch einer Bucht, die in der Karibik nicht schöner sein kann. 

Auf der vom Land aus gesehenen rechten Seite mündet ein Fluss mit einem kleinen Rinnsal ins Meer. Fast umschließt er die gesamte Cala, die eine Tiefe von etwa 150 m hat und teilweise üppig bewachsen ist. Selbst die steil emporsteigenden Felswände tragen beträchtliches Grün. So stellt man sich die Ankunft auf einer Trauminsel vor. Das hier ist jedoch kein Traum, sondern Realität.

Eine gut begehbare Felsenhöhle, mit mehreren Öffnungen, bringt ungeahnte Spannung in unseren heutigen, doch späten Landspaziergang. Quer zu dieser Bucht verläuft eine ausgewiesene, wohl auch anspruchsvolle Wanderstrecke, die sich auf der linken Seite des Strandes über das dicht bewachsene Felsplateau windet. Diese Erkundung verschieben wir jedoch auf morgen. 

Ein romantischer Sonnenuntergang am Meer, das sind magische Momente, die uns die Natur Tag für Tag schenkt. Halb im Wasser sitzend, erleben wir den heutigen, der die Landschaft in wohlig warme Farben hüllt.

An Bord zurückgekommen, hole ich noch die letzten Wetterdaten von der immer aktuellen Wetterseite, www.thalatta.info, um Gewissheit zu haben, dass wir eine ruhige und sichere Nacht vor unserem Ankergeschirr erleben. Ein kurzer Blick ins Internet verrät uns, dass die Cala Trebaluger nur zu Fuß oder über das Meer zu erreichen ist. Wer auf Schusters Rappen auf diesen Flecken Erde gelangt, hat diesen schönen Augenblick wohl auch sicher verdient. Der Fußweg hierher kann sich auf holperigen Wegen mehrere Stunden hinziehen.

Die Nacht bleibt wie erwartet sehr ruhig. Die Thalatta liegt fast unbeweglich und sicher in der tiefschwarzen See der Nacht, sodass wir kaum bemerken, auf einem Schiff zu sein. 

Ein traumhafter Morgen begrüßt uns an Deck. Kein Windhauch ist zu spüren. Die Wellen des Meeres haben eine Ruhepause eingelegt. Die See liegt wie ein blauer Spiegel, der sich in der Tiefe in Dutzende Türkistöne verliert. Wir sind nicht mehr allein. Eine französische Yacht, gleich groß wie wir, ankert etwa drei Schiffslängen vor uns. Mit unserem Dingi machen wir unseren morgendlichen Landfall. Die in Richtung See gesehene linke Seite dieser Cala wollen wir heute erkunden. Gute Schuhe werden notwendig sein, denn es geht entlang des ausgewiesenen Wanderpfades. Ein kleiner, an einem Hang gelegener Pinienhain, macht den Anfang. Der in der Hitze ausströmende intensive Duft der Alappokiefern entgeht uns nicht. Der Weg steigt an. Wir stoßen nach einiger Zeit auf den gesuchten Pfad und erklimmen, so weit wie möglich, die abrupt abfallenden, bis ins Wasser reichenden Felsformationen. Hin und wieder finden unsere Füße keinen Halt und wir rutschen. Felsbrocken liegen im Weg und müssen umgangen oder erklommen werden. Keine leichte Strecke, aber sicher auch für Ungeübte gangbar.

Oben angekommen stehen wir vor einer mannshohen Trockenmauer und durchschreiten einen Durchgang, eine Art Pforte. Wir suchen hier oben nun den Panoramablick auf unsere Cala, auf die Cala Trebaluger und natürlich auf unsere Thalatta. Genau im Westen muss die Stelle sein, die den Blick freigeben wird. Bis wir ihn gefunden haben, diesen Aussichtspunkt, erschwert dorniges Gebüsch und Felsen den Weg. Hinter einem spitz nach oben ragenden Steinbrocken, flankiert von einigen bizarr gewachsenen Pinien, die sich an den steil abfallenden Felswänden regelrecht festkrallen, entdecken wir den Platz unserer Begierde. 

Hochsommerliche Temperaturen, die nur ein Minimum an Kleidung erfordern. Das Wasser in einer Meeresbucht mit sich überbietenden Blau- und Türkistönen, ein seicht abfallender feinsandiger Strand, über Masthöhe ragende Klippen, die Schutz offerieren. Ein sattes Grün an den Hängen, welches unsere Augen und Sinne ausruhen lässt. Schillernde Wasserfarben und mediterrane Erdfarben dominieren. Es herrscht Stille, nur unterbrochen von dem Gesang der Vögel und dem Zirpen der Zikaden. Wer stellt sich in seinen Träumen nicht eine solche, fast unwirkliche Kulisse vor?

Alles saugen wir in uns auf und können uns nicht satt sehen. Auf dem Rückweg finden wir Rosmarin- und Thymiansträucher, die für Nachschub an frischen Kräutern in unserer Kombüse sorgen.

Mit Müßiggang verbringen wir den Rest des Tages. Unsere Handys sind ausgeschaltet. Wir sind offline und faulenzen, schwimmen und sind frei von Pflichten, sind ausgeklinkt. Wir nehmen uns die Freiheit, auf See, wo diese Entschleunigung noch möglich ist, für eine selbstbestimmte Zeit unerreichbar zu sein.

Den Sonnenuntergang wollen wir heute wieder am Strand erleben und eine Paella kochen. Alle notwendigen Zutaten und das Equipment sind schnell in unserem Dingi verstaut.

Unsere französischen Nachbarn sehen wir nun zum ersten Mal und begrüßen sie vom Dingi aus. Ich nehme an, sie waren müde, da sie sicherlich in der letzten Nacht die Überfahrt von der französischen Küste zu den Balearen bewältigt haben. 

Jugendliche Felsenkletterer sind in unserer Bucht auf dem Landweg angekommen und ersteigen, für unsere Augen recht abenteuerlich, die doch sehr hohen Felswände im hinteren Teil der Bucht. Es macht Spaß, ihnen zuzuschauen. Wir lassen uns von diesem unerwarteten Buchten-Kino eine Zeit unterhalten. 

Ein kleiner, flach aus dem Sand hervorstehender Felsen gibt meiner Paella-Pfanne den notwendigen Halt. Es macht unglaublichen Spaß, am Strand zu kochen und zu erleben, wie sich die Zutaten mit den Gewürzen zu einem mediterranen Highlight entwickeln. Hier spielt sicherlich die Stimmung positiv mit hinein.

Der Strand und die gesamte Bucht gehören uns wieder allein. Wir fühlen uns wie die gerade aus einem kitschigen Südsee-Film entsprungenen Protagonisten.

Der Sundowner steht bevor. Die späte Sonne taucht wieder alles in ein warmes Licht. Unglaubliche Farben des bevorstehenden Sonnenuntergangs kontrastieren die Umgebung und erzeugen eine Stimmung, die sich durch das sanfte Plätschern der Wellen noch verstärkt. Mediterrane Erdfarben der Felsenwände und des Strandes leuchten goldrot und konkurrieren in ihrer Schönheit mit den jetzt schillernden Blautönen der See. Eine Hochglanz-Ansichtskarte mit diesem Motiv würden viele sicherlich als kitschig bezeichnen.

Unsere Paella ist fertig. Es gibt eine Fideua, eine Nudel-Paella. Wir erleben einen atemberaubenden Sonnenuntergang, der das Meer mit dem Horizont tiefrot verschmelzen lässt. 

Nur mit einer Gabel in der rechten und dem Weinglas in der linken Hand sitzen wir an diesem kleinen Strand und genießen unsere Paella direkt aus der Pfanne. Unsere Gespräche machen immer größere Pausen. Die Umgebung ist fast unwirklich schön und wir verlieren uns in unseren Gedanken, die jetzt bei uns beiden vermutlich unterschiedliche Wege gehen. Erst spät bringt uns unser Dingi zurück auf unser Schiff und in unsere Kojen.

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