Logo
Home Mobil-Menü

Tomatensaft

Eine nicht ganz ernst gemeinte Situationsbeschreibung einer Reise nach Palma de Mallorca

Flugnummer AB 9414 DUS-PMI. Um 18.20 Uhr soll der Airbus abheben und um 20.40 Uhr auf Deutschlands liebster Ferieninsel Mallorca landen. Mit mir warten geschätzte zweihundert Reisewillige auf das Boarding Prozedere, welches sich jedoch länger verzögert als gedacht. Ich habe also Zeit. Um diese zu überbrücken fehlt mir eine Zeitung und zu meinem Verdruss ist der Akku meines Laptops aufgebraucht. Ich schau mich um. Aus der Not heraus beobachte ich meine Mitreisenden. Diese einzuschätzen und einzuordnen kann die Wartezeit vielleicht verkürzen.
Zwei Spezies von Mallorcaliebhabern treffen hier knallhart aufeinander. Beide haben den gleichen Wunsch, das gleiche Ziel.

- Klicken Sie auf das Bild für eine Slideshow


Auf der einen Seite die so genannten „Touri's". Die normalen Urlauber also. Aber was sind schon normale Urlauber oder Touristen? Also, sie haben meist pauschal gebucht. Sind voller Vorfreude auf ihr Urlaubsdomizil und hoffen im gebuchten Sterne-Hotel die schönsten Wochen des Jahres zu verleben oder die restlichen Urlaubstage, als Kurzurlaub, je nach Gusto zu verbraten. Es liegt über dieser Gruppe meist eine gewisse fröhliche Leichtigkeit, gepaart mit einer gesunden Erwartungshaltung. Man fliegt ja auch nicht alle Tage in den Süden und man hat es sich ganz sicher auch verdient.

Die „Finca Fraktion" ist die andere Spezies. Hierbei handelt es sich um auf der Insel lebende Residenten oder Vielflieger, die mehrfach im Jahr, Wochen und Monate, auf Deutschlands liebster Insel verbringen. Sie besitzen meist irgendetwas. Eine Finca, eine Wohnung, ein Boot oder zumindest kennen sie jemanden der so etwas hat und sie dort, meist schwarz, wohnen lässt. Ein Erkennungszeichen ist das übergroße Bordgepäck und die oft etwas elegantere Bekleidung. Sportliches Outfit ist sehr selten angesagt. Man will ja kein urlaubender Tourist sein. Sie sind meist nicht so euphorisch wie Urlauber, sondern eher verschlossen, abgeklärt. Nach außen also cool, man hat ja alles schon hundertmal hinter sich gebracht. Gerne wird der vordere Teil der Maschine bevorzugt und überlässt die Sitze, ab der Reihe 15, den Touristen.

Der Einstieg über den Finger dauert, verursacht durch einen Stau vor dem Zugriff auf die kostenlosen Zeitungen und Zeitschriften. Es ist immer wieder erstaunlich, wie manche Zeitgenossen sich mit Mengen an Lesematerial, für die bevorstehenden zwei Stunden, versorgen. Aber es ist ja kostenlos. Dann beginnt das Verstauen des Handgepäcks. Hier entwickelt die Finca Fraktion eine raumgreifende Taktik. Es muss ja das übergroße Handgepäck untergebracht werden und natürlich gehört der Finca Fraktion der Fensterplatz.

Platz C am Gang, Reihe 9 ist meiner. Neben mir ein Paar um die sechzig. Der Kampf mit dem gebunkerten Lesestoff ist noch in vollem Gange und so nebenbei erfahre ich lautstark, und auch die Reihe davor und dahinter, dass das Wetter bei ihrem Flug vor zwei Wochen deutlich besser war. Der Kontakt zu meinen Nachbarn auf Zeit ist distanziert. Ein Lächeln von mir trifft nicht auf Gesprächsbereitschaft.

Wir starten fast pünktlich. Die 15-minütige Startverspätung ist jedoch einige Reihen hinter mir eine verbale Rüge wert. Noch nicht ganz auf Reisehöhe, müssen die ersten schon die Bord-Toilette konsultieren. Vom Alter her scheinbar nicht von einer drohenden Inkontinenz bedroht, hat sich hier wohl, vor lauter Aufregung, Druck aufgebaut.

Der Service beginnt. In Ergänzung zum normalen Angebot auf einer Kurzstrecke, bietet Air Berlin heute, unter anderem, Hühnchenbrust mit Steinpilz-Rahm und die so genannte, legendäre Currywurst, beide aus der Sylter Sansibar. Innerhalb kürzester Zeit verwandelt sich der Flieger geruchsmäßig in eine drittklassige Frittenbude. Für die wenigen, an die Fluggäste gebrachten Exemplare, dieser so genannten Kult Wurst, müssen alle anderen, in 10.000 Meter Höhe, ihre Geruchsnerven quälen lassen. Gerne erinnere ich mich an die Zeit, in der die Flugbegleiterinnen beim Verkauf der Duty Free Artikel noch für Duftwolken führender Parfümeure sorgten. Wenn auch seinerzeit die unterschiedlichsten Kreationen auf engem Raum sich mischten, war dies allemal angenehmer, als der Duft einer lauwarmen Currywurst.

Der Trolley mit den Getränken macht sich auf den Weg. Jetzt wird es spannend. Noch nie habe ich erlebt, dass ein Gast, feminin oder maskulin, jemals in einem Lokal, einer Bar oder an einem anderen gastronomischen Ort, einen Tomatensaft bestellt hat. Im Supermarkt liegt das Nachtschattengewächs wie Blei in den Regalen. Jedoch in zehn Kilometern Höhe, ist das völlig anders. Bis ich den Service Trolley querab habe, reichen die Flugbegleiterinnen schon an die zwei Dutzend Plastikbecher, gefüllt mit Tomatensaft. Mal mit, mal ohne, Pfeffer und Salz. Wie viele werden es am Ende der Sitzreihen sein? Die Lufthansa hat 2008 etwa 1,7 Millionen Liter Tomatensaft ausgeschenkt. Der Bierumsatz war geringer.

Der Service in der Kabine beginnt.
Der Service in der Kabine beginnt.

Warum ist das so? Warum verlangen Fluggäste in einer so großen Anzahl Tomatensaft. In keiner anderen Lebenslage wird man dies ähnlich erleben.

Es ist kaum zu glauben, Fluggesellschaften haben es ernsthaft untersuchen lassen. Es existieren wissenschaftliche Untersuchungen. Verschiedene Erklärungen oder Überlegungen über dieses Phänomen waren das Ergebnis. Flugbegleiterinnen haben beobachtet, dass, wenn der Nachbar nach Tomatensaft verlangt, ein Domino-Effekt eintritt. Geschieht dies in einer der vorderen Reihen beginnt das Mysterium über den Wolken und das Personal bangt, ob die Vorräte reichen.

Für die meisten Fluggäste ist der Flug in den Urlaub ein herausragendes Ereignis mit schwer einzuschätzenden Ungewissheiten. Die Fahrt zum Hotel, wie gefällt mir das Hotel, wird der Urlaubsort mir auch so zusagen wie im Reiseführer und Veranstalter-Prospekt angepriesen und natürlich der Flug selber, geht alles gut. Flugreisende sind ohne Zweifel gestresst. In dieser Lebenslage vermeiden wohl die meisten den Genuss von Alkohol, was sie jedoch nicht davon abhält das besondere Ereignis stilvoll zu würdigen. Hier bietet sich, der im normalen Leben auf der Mutter Erde verschmähte Tomatensaft, förmlich an. Optisch ist es natürlich für viele eleganter und cooler den Becher mit roter (Signalwirkung) Saft nebst Zutaten in der Hand zu halten, als eine schnöde Cola oder gar ein stilles Wasser.Wie auch immer. Die Fluglinien forschen nach wie vor an diesem Phänomen.

Meine Sitznachbarn bevorzugen auch Tomatensaft und beim Durchreichen der Plastikbecher kamen wir dann doch noch ins Gespräch. Ob ich Urlaub auf Mallorca machen werde, war die Frage. Die Antwort war jedoch für die beiden nicht mehr so wichtig. Es ist die Gegenfrage, worauf gewartet wird. Jetzt komme ich mit ihnen schnell in einen Dialog. Ich greife an: „Wo machen Sie denn Ferien auf Mallorca?" Und jetzt erfahre ich, ohne viel Umschweife, dass man natürlich keinen Urlaub auf der Insel verbringt, sondern dort wohnt und dass seit langen Jahren. Ein kurzer Aufenthalt in Deutschland war notwendig aber man ist froh das hinter sich gebracht zu haben. Der Tonfall ist jedoch meist ein wenig mit Gefälle von oben durchsetzt. Es klingt eine Art Dominanz durch. Man ist eben mit dabei. Vielleicht nicht ganz vorne, aber man kennt die notwendigen Rituale und das exaltierte Verhalten der Bussi Gesellschaft. Man legt Wert darauf, natürlich da zu wohnen, wo keine Deutschen, sondern eben nur Spanier leben. „Dann sprechen Sie ja gut Spanisch", frage ich sicherlich ein wenig provokant. Diese Frage erzeugt Unbehagen und eine Flut von Argumenten, warum genau diese, ja in Urbanisationen mit überwiegend spanischen Bewohnern, notwendige Fähigkeit, nicht vorhanden ist. Keine Zeit, trotz jahrelanger Anwesenheit auf spanischem Boden, sind noch die verständlichsten Gründe. Angemeldet bei der heimatlichen VHS ist man natürlich. Spätestens für den kommenden Herbst. Ganz bestimmt.

Der Flugkapitän hat die Reisehöhe verlassen und steuert den Airport von Palma de Mallorca an. Cap Formentor ist gut zu erkennen und die ersten Orte Mallorcas tauchen gut sichtbar auf. Hier kommt die klare Überlegenheit der Finca Fraktion zu Tage. Die Ortsbestimmung aus einigen hundert Metern Höhe obliegt ihnen. Mit sicherer Stimme, meist zweistimmig, jedoch ohne erkennbare Emotionen, werden die unter uns vorbeiziehenden Ortschaften und Insel Hotspots bestimmt. Nur so nebenher erfahren ich und eine Sitzreihe vor und hinter mir, dass direkt unter uns Jose seinen Wein anbaut und nur einige wenige Freunde daran teilhaben dürfen. Meine Flugnachbarn gehören natürlich zu den Auserwählten.

Die Räder des Fliegers haben gerade auf den Boden mit einem schrillen Quietschen, ja fast mit einem durchdringenden, gellenden Geräusch aufgesetzt. Die bis in die Kabine hinein dröhnenden Triebwerke verschaffen Respekt, als das Händeklatschen einiger Passagiere, aus dem hinteren Teil der Maschine, wie eine Welle bis zu den vorderen Sitzreihen seinen Weg sucht. Sollten Punkte für die Landung des Jets zu vergeben sein, gehen diese jetzt, die Crew mal ausgenommen, unwiderruflich an die Gruppe der Touristen. Applaus, wieder heil herunter gekommen zu sein? Ein akustisches Zeichen der Dankbarkeit an das fliegende Personal? Oder, was ist der Grund?

Die Vielflieger, im vorderen Teil der Sitzreihen, zeigen deutlich, dass sie fast peinlich berührt sind. Spotten ist hier wohl grundsätzlich fehl am Platz. Vielleicht sollten wir uns alle überlegen, öfter zu klatschen, unseren Frohsinn öffentlich zu demonstrieren. Warum nicht auch beim regulären Eintreffen der Regiobahn, beim Blick in den Briefkasten, wenn das Schreiben des Finanzamtes pünktlich eingetroffen ist oder beim Klingeln des immer ach so freundlichen Bofrost-Mannes an der Haustüre. Auch das täglich, pünktliche Erscheinen des Tagesschausprechers könnte von Jubel begleitet werden. Solidarische Beifallsbekundungen in allen Lebenslagen, gegen Atom und rechts, für alle die noch was tun. Allgegenwärtiger Zustimmungsrausch in Nord und Süd in Ost und West in unserem Land. Ein neues positives Lebensgefühl? Aber nein. Applaudiert wird ausschließlich im Flugzeug und im Theater.

Am Gepäckband in Palma
Am Gepäckband in Palma

Im Gegensatz zu den Langzeitanwesenden sind die angekommenen „Normalurlauber" auf der Suche nach ihrem Gepäck. Zugegeben, der Weg dorthin ist weit und oft nicht auf Anhieb zu erkennen. Reisende, die der englischen oder spanischen Sprache nicht zumindest ein wenig mächtig sind, müssen sich anhand der Piktogramme orientieren. Den unerschütterlichen Drang, die Strecke vom Finger zur Gepäckausgabe, in einer möglichst neuen Olympischen Rekordzeit zu absolvieren, eint beide von mir erwähnte Gruppen. Die deutschen, fast Mallorquiner, sollten jedoch um die langen Wartezeiten am Kofferband wissen, was die Eile überflüssig macht.

Palma Flughafen, am Gepäckband. Hier findet die Finca Fraktion noch einmal ihr Publikum. Kaum ein Fluggast, der in einem eigenen oder gemieteten Haus, Wohnung oder Schiff wohnen wird, ist nun nicht mit seinem Handy am Ohr zu sehen. Das Gepäckband gibt Dinge wie Bügelbrett, Treppenleiter, Mikrowelle, Monster Grillstation, Hochdruckreiniger und was weiß ich noch für Artikel des täglichen Bedarfs frei. Nicht ohne einen Aufkleber mit der eigene Adresse auf der Insel großflächig aufgeklebt zu haben. Warum kauft man diese Gegenstände nicht auf Mallorca? Warum diese Umstände?

Zum Schluss und zum Verständnis: In beiden, von mir subjektiv beobachteten Gruppen fallen natürlich nur die Spitzen auf. Die jedoch wahrzunehmen, zu beobachten und zu analysieren verkürzt die Wartezeit tatsächlich. Nicht nur auf einem Flug von Düsseldorf nach Palma. Wenn daraus auch noch ein kleiner Artikel entsteht, umso besser.

©Walter Vollstädt

 

Nächstes Thema:  Wetter